Schutzverletzung aus der WIN 09/97   -   www.goldmann.de


"Ich denke, also bin ich." Falsch! Schließlich existiert die EDV-Branche auch. WIN-immer-noch-nicht-Guru Martin Goldmann räumt mit philosophischen Vorurteilen gnadenlos auf.

Einst sagte Descartes: "Ich denke, also bin ich." Vermutlich hatte er nur einen wahnsinnigen Kater vom philosophischen Konvent am Vorabend und brabbelte diese Phrase beim Rasieren in den Spiegel. Aber alle Denker dieser Erde nehmen diese Aussage ernst, senken die Häupter und nicken heftig.
Sie sollten sich überlegen, wozu sie so beifällig nicken. Denn der Umkehrschluß hat es in sich: "Ich denke nicht, also bin ich nicht" würde die gesamte EDV-Branche flugs in eine andere Dimension entschwinden lassen. Lediglich einige programmierende Schattenwesen blieben im Diesseits erhalten: "Ich denke ein kleines bißchen, also bin ich auch ein kleines bißchen" - Profis nennen das Fuzzy Logic.
Die Hardware- und Software-Industrie hat Angst, die Descartes-These könnte doch stimmen. Um das zu überprüfen, läuft schon seit geraumer Zeit ein breit angelegter Modellversuch mit dem Ziel, dem Anwender das Denken abzugewöhnen. Und am Ende wollen sie nachsehen, ob die User noch da sind.
Ihr Versuchslabor nennt sich grafische Benutzeroberfläche. Unter dem Stichwort Usability lassen sich Software-Designer immer neue Tricks einfallen, um unseren IQ abzusenken.

Das Point & Click mit Maus und Icons degradiert uns zur digitalen Laborratte: Klicke ich hier, klappt's, klicke ich da, haut mir der Rechner eins über die Rübe.
Schon die Höhlenmenschen kannten das Prinzip grafischer Oberflächen. Bill Gaaargh machte in der frühen Eiszeit ein Vermögen, indem er allen seinen Stammesmitgliedern befahl, vor der Jagd den angespitzten Holzstock zweimal auf das Jagdglück-Icon zu donnern. "Uugh & Click-Interface gut für alle. Viele Antilopen an Fingerspitze!"
An diesem steinzeitlichen Niveau wird sich nicht viel ändern. Im Gegenteil, es kommt noch schlimmer: Die Sprachsteuerung zwingt uns das Sprachverhalten eines Zweieinhalbjährigen auf. "Gehe zu Icon Winword - da, da. Starte Programm. Lade Test. Blöde Kiste." Und die sture Handschriften-Erkennung führt uns zurück in die 1. Klasse, als wir noch mit Pfötchengriff und farbiger Wachsmalkreide fleißig die Zeilen im Buch "Ele mele mule" ausfüllten.
Bald sind wir nur noch blöde, brabbelnde, klickende und kritzelnde Computer-Idioten. Und dann sehen wir, ob Descartes recht hatte.


Schon in der Steinzeit versprachen die grafischen Beschwörungen
der Microsoft-Sippe "viele Antilopen an Fingerspitze".