Gurus gibt es nicht nur in Indien, sondern auch in der Computer-Welt. Doch warum um Himmelswillen gehört unser Kolumnist Martin Goldmann nicht zu ihnen?
Meine Freunde wissen es, meine Kollegen wissen es, mein Therapeut und die halbe Welt wissen es: Ich habe Probleme mit meinem Ego. Meine Freunde verstehen mich, meine Kollegen haben ein Gesprächsthema, und er Therapeut kann sich von meinen Honoraren ein neues Mercedes-Cabrio bestellen.
Bisher dachte ich mein schräger Gemütszustand läge an eine verkorksten Kindheit, volkstümliche Musik, linksliberaler Paranoia, verkanntem Genie oder dem regen Genuß von Alkohol ns synthetischen Drogen. Alles falsch. Jetzt habe ich den wahren Grund gefunden: Ich bin kein Guru!
Guru wird man in der EDV-Branche, indem man zum richtigen Zeitpunkt auf einem Plakat oder einer Zeitschriftenseite die Öffentlichkeit anlächelt und Wahrheiten verkündet. Wer vor anderthalb Jahren, als bereit die halbe Internet-Welt im Daten-Stau steckte, einen Satz formulierte wie "Die Datenautobahn ist verstopft", traf damit den Nerv der Zeit und ward flugs zum Guru erhoben. Momentan nickt die Medien-Welt heftig ob der Erkenntnis, daß dem Internet hierzulande wohl noch kein kommerzieller Erfolg beschieden sei und daß der Netz-Computer vielleicht doch nicht so ganz den herkömmlichen PC in Grund und Boden stampfe. Gut erkannt - well done, Guru.
In der zweiten Reihe spekulieren Branchen-Kenner und Insider auf den Guru-Status. Viel zitiert, aber leider anonym, stehen sie für Slogans wie "Windows 95 wird ein Erfolg" oder das vor einigen Monaten ausgegebene Motto "OS/2 ist wahrscheinlich ein Flop" Alles Blödsinn. Es wird Zeit für einen neuen Guru. Zeit für mich!
Weg mit den alten Heilsverkündern und Propheten der esoterisch-digitalen Sphäre. Hier kommen meine ultimativen Guru-Statements für das Jahr 2000:
|
- Es wird im Jahr 2000 keine PCs mit Prozessor mehr geben. Oracle und Sun entwickeln den Java-fähigen Fernseher, dessen Intelligent und Zentraleinheit irgendwo in Silicon Valley sitzen. Weiter stellen die Unternehmen den ersten Prototypen eines Users ohne Intelligenz vor.
- Netscape sattelt um, produziert Fußabstreifer und geht mit der späten Erkenntnis pleite, daß sie sich nicht besser verkaufen, wenn man jedem Anwender einen Haufen Humus schenkt.
- Die Verkaufs-Odyssee des Amiga hält an. Alle Rechte liegen zur Jahrtausendwende bei einer Hufschmiede im Bayerischen Wald. Der Hersteller wirbt mit gußeisernem Gehäuse. Amiga-User wußten es schon immer: der Ex-Commodore-Rechner ist stabil.
- 1. Januar 2000, 0.00 Uhr: Die Welt geht unter. In letzter Sekunde macht Sun-Chef Scott McNealy eine Sicherheitslücke in Active-X dafür verantwortlich. Microsoft verspricht ein Update vor dem nächsten Urknall.
So, wenn ich mit diesen Vorhersagen nicht zum Guru werde, lasse ich mir die Haare wachsen, schaue verträumt in die Gegend und warte auf einen zotteligen Vollbart. Irgendwie muß es doch klappen!
Zehn Jahre später: WIN-Kolumnist Martin Goldmann analysiert die Chancen von OS/2 auf dem Amiga |