Schutzverletzung aus der WIN 05/99   -   www.goldmann.de


Ein schöner Vormittag. Im Hintergrund blubbert n-tv. Das Leben könnte herrlich sein - wäre da nicht alle fünf Minuten derselbe penetrante Versicherungs-Spot. Martin Goldmann ahnt verblüffende Absatzchancen für Set-top-Boxen.

Klar, ich bin konditioniert. Nicht nur, daß ich bei Menschen panisch die Flucht ergreife, die mittags "Mahlzeit" sagen. Nicht nur, daß eine Currywurst pawlowschen Speichelfluß in meinem Mund verursacht. Nein, am stärksten hat mich das Werbefernsehen konditioniert.
Schneller als der Profi-Daddler seinen Feuer-Button trifft, bin ich mit dem Daumen auf dem TV-Aus-Knopf, wenn es "Auuuto Direkt" aus dem Fernseher schallt. Da boingt ein auf lausig knuddelig gemachtes blaues Auto über eine Kuppe und speit einen Versicherungsknülch aus, bei dem sich jeder fragt, welche kleinen Pillen er denn gerade eingeworfen hat. Und danach versucht die hunderttausendste Adreßabstaubergesellschaft mir klarzumachen, daß ich täglich nur 'ne Mark investieren müßte, um ewig zu leben. Wer mag mir da meine Zwangsneurosen verübeln?
Wer sich fleißig mit dem Vormittagsfernsehen auf n-tv und Konsorten beschäftigt, weiß: Das sind keine Einzelfälle. Alle paar Minuten hat der bebrillte Prototyp einer Sekretärin noch mehr Spaß bei der Buchhaltung. Ständig blickt ein Geschäftsführer-Plagiat aus seinem 60er-Jahre-Maßanzug und schwadroniert über die Prinzipien moderner Unternehmensführung.
Genug. Damit muß Schluß sein. Und die Lösung des Problems steht auf dem Fernseher: Die Set-top-Box. Mit der Absicht, das Internet auf die Mattscheibe zu bringen ist sie zwar fleißig gefloppt.

Aber ich habe die Rettung für einen ganzen Industriezweig: Es muß doch möglich sein, in diese Set-top-Boxen ein paar Werbefilter einzubauen. Die sollen Milchbubi Michi Müller mit seinen Kühen auf den Mond schießen und den IQ der Kindermilchschnitteprotagonisten endlich über deren Körpertemperatur anheben. Und vielleicht ist für unseren Geschäftsführer ein neuer Anzug drin?
Ganz neue Wege eröffnet die Set-top-Box der Interaktion mit den Werbetreibenden. Jedesmal, wenn mich der graumelierte, abgehalfterte Hausfrauenschreck fragt, ob ich denn schon einmal über meine Krankenversicherung nachgedacht hätte, könnte ich ihm über die Box zurufen: "Ja, habe ich, und halt' endlich Deine Flossen still, Mann!" Vielleicht sollten die Werbeschaffenden ihre Einnahmen an die Set-top-Boxen koppeln. Jedesmal, wenn der Zuschauer wegschaltet, gibt's eine Mark weniger Honorar.
So wäre allen geholfen: Dem Werbeschaffenden mit direktem Feedback, den Set-top-Boxen-Fabrikanten mit höllisch guten Absatzzahlen, Michi Müller mit dem Trip seines Lebens - und vor allem mir.


Zensur tut not - für Milchschnittten-Anke, Deutschländer-Würstchen und Versicherungsfritzen im TV: Die innovative Set-top-Box filtert die totale Werbe-Verblödung aus den Fernsehkanälen.